Kultur
Es gibt Worte, die sich gleichsam inflationär verbreiten, die plötzlich in aller Munde sind. Daß auch Kultur zu diesen gehört, brauche ich wohl nicht weiter zu begründen; der Leser wird das schon selbst gemerkt haben. Nicht nur für sich allein kommt das Wort ständig vor, vielleicht noch häufiger findet man es in Komposita. Angefangen bei der "Eßkultur", über die "Erinnerungskultur" bis hin zur "Gedenkstättenkultur", von der man neulich im Zusammenhang mit der Eröffnung des Mahnmals in Berlin lesen konnte. Jeder wird diese kleine Auswahl leicht um ein Vielfaches verlängern können.
Man könnte meinen, eine neue "Kulturblüte" wäre angebrochen, eine neue Klassik, ein neues goldenes Zeitalter. Indes, so mein Eindruck, eine rechte Freude will über diese überbordende Kultur nicht aufkommen. Vielleicht verhält es sich mit der Kultur ja wie mit dem Geld, von dem man um so mehr redet, je weniger man davon hat.
Damit könnte man sich abfinden, wenn nicht die an sich schätzenswerte "Kultur" nachgerade dazu herhalten müßte, Erscheinungen zu verdecken und zu rechtfertigen, die sich nun einmal nicht rechtfertigen lassen. Wohl jeder hat schon einmal den Satz gehört: "Die (hier beliebige Völkerschaft einsetzen) haben eben eine andere Kultur." Was soll das eigentlich heißen?
"Kultur" hat zwei Bedeutungen: die eine benennt die "Hochkultur", d. h. die Gesamtheit an künstlerischen, literarischen und wissenschaftlichen Leistungen entweder der Menschheit im allgemeinen oder einer bestimmten Nation im besonderen. Die andere, die "Volkskultur", benennt die Gesamtheit an Sitten, Gebräuchen und religiösen Vorstellungen eines bestimmten Volkes. Dieser Kulturbegriff entstammt ursprünglich wohl der Ethnologie, der Völkerkunde, jener Wissenschaft, die sich mit den "primitiven" Kulturen befaßt.
Nun ist der Sachverhalt, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschen, nicht weiter problematisch, er wird es aber, wenn diese anderen Sitten - um sie zu rechtfertigen - als "Kultur" benannt werden. Daß Kunst, Literatur und Wissenschaft, also das, was ich als "Hochkultur" charakterisiert habe, schützens- und förderungswürdig ist, dürfte wohl breiten Konsens finden, daß dies auch für die Volkskultur gelten sollte, dafür sehe ich keinen Grund. Sie mag eine gewisse Achtung beanspruchen können, jedoch nur solange, wie sie nicht im Widerspruch zu den Gesetzen und zu den Anforderungen der Humanität steht. Wie Wolfgang Pohrt es formuliert hat: "Die Kultur des Menschenfressers bestünde im Auffressen von Menschen". Um nun die Nutzanwendung auf die aktuelle Lage vorzunehmen: Phänomene wie Zwangsverheiratungen, -beschneidungen, Ehrenmorde, Ächtung Andersgläubiger u. s. w. mögen in manchen Ländern durchaus "Sitte" sein (sie waren es auch in unserem eigenen), sie sind darum noch lange keine "Kultur" und können auch nicht den Respekt erwarten, welche man dieser in kultivierten Ländern entgegenbringt.

2 Comments:
Sehr schöner Post! Als kleinen Randgedanken sagt eine innere Stimme zu mir "A-R-T-E", dieser Sender ist nahezu ein Spiegelbild für die angeführten Kritikpunkte.
NSU - 4efer, 5210 - rulez
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