Vom Nutzen der Historie für das Leben
"Umfragen belegen: Viele Jugendliche in unserem Lande besitzen nur dürftige Kenntnisse über den Nationalsozialismus und seine Massenverbrechen. Diesen betrüblichen Umstand machen sich Rechtsradikale und Neonazis zunutze, um ihre Lügen und Legenden unters Volk zu bringen". So beginnt ein Artikel von Volker Ullrich in der aktuellen Zeit. Ich habe solche und ähnliche Aussagen schon unzählige Male gelesen und vermute, daß es meinen Lesern genauso geht. Nachgerade sind sie zu dem geworden, was Literaturwissenschaftler einen "Topos" nennen, d. h. sie sind zu einer Struktur geronnen, welche von niemandem bestritten oder bezweifelt wird, einem Muster, das sich gleichsam von selbst immer von neuem reproduziert. In aller Regel folgt dann ein flammender Aufruf, mehr Geschichte zu unterrichten, mehr im Fernsehen darüber zu bringen oder ein bestimmtes historisches Buch zu lesen. Schauen wir uns diesen Topos einmal genauer an.
Jeder weiß, daß es kein anderes Thema gibt, welches seit Jahrzehnten so intensiv, so eingehend in Geschichtsunterricht und Medien behandelt wird, wie eben der Nationalsozialismus und seine Massenverbrechen. Wenn es tatsächlich wahr sein sollte, daß viele Jugendliche (warum eigentlich nur Jugendliche?) gleichwohl nur dürftige Kenntnisse über diese Themen haben, so liegt es nicht am Mangel an Informationen, sondern einfach am Mangel an Interesse. Das ist nichts, was von vornherein zu verurteilen wäre. Die Interessen und Begabungen der Menschen sind nun einmal verschieden. Man kann ein ehrenwerter Mensch sein, auch ohne die geringste Ahnung vom Nationalsozialismus zu haben. Ja, ich behaupte, ein solcher Mangel an Interesse ist - nicht immer, aber doch häufig - ein Zeichen von gesundem Menschenverstand. Warum eigentlich soll man sich eingehend mit einem so widerwärtigen, abstoßenden, ekelerregenden Thema beschäftigen? Wer einmal in Hundekacke getreten ist, muß diese nicht genauer untersuchen, um zu wissen, daß er solches in Zukunft besser vermeidet. In Deutsch, Englisch, Chemie, Mathematik oder wo auch immer versucht man dem Schüler, die gelungenen, die richtigen Resultate und Ergebnisse der einzelnen Fächer nahezubringen, nur der Geschichtsunterricht macht eine Ausnahme.
Umgekehrt speist sich das Interesse am Nationalsozialismus keineswegs ausschließlich aus begründetem Abscheu, sondern vielmehr aus der Faszination, welche dieser Gegenstand immer noch ausstrahlt. Man denke an diesen ewigen Rummel um Albert Speer und Leni Riefenstahl, an "Dokumentarfilme", in denen überwiegend alte Wochenschauen, also Nazipropaganda, reproduziert wird, oder an Zeitzeugen, die im Fernsehen animiert aus ihrer Jugend plaudern, als sie mit dem Panzer durch Rußland rollten. Zuschauer, die im Alltag vor ihrem Chef kuschen müssen und noch froh sein dürfen, daß sie nicht arbeitslos sind, können sich dann tagträumend in eine Zeit zurückversetzen, als vor ihren Opas die ganze Welt zitterte. Das Interesse an solchen Sendungen ist das gleiche, welches das Publikum In Pearl Harbour-Filme treibt oder zu Landser-Heften greifen läßt.
Auch die These, historische Kenntnisse seien eine Art Schutzimpfung gegen Neonazipropaganda, ist fragwürdig. Wer einmal Neonazis erlebt hat, weiß, daß die einem ständig mit historischen Fragen nerven, über Auschwitz, über die Juden, über Dresden und ähnliches mehr. Es ist eine Zumutung, von einem nicht an Geschichte interessierten Bürger zu erwarten, daß er sich mit diesem Pack auseinandersetzt, ihre Argumente ernstnimmt. Warum soll er ihnen die Ehre antun, dicke historische Bücher zu wälzen, die ihn nicht im mindesten interessieren, nur um deren Unsinn widerlegen zu können. Es gibt hochqualifizierte Historiker, die dies hinlänglich getan haben. Die Forderung, man solle sich der Neonazis wegen mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, verleiht diesen eine Dignität, die ihnen nicht zukommt.

1 Comments:
Lieber Mark,
ein exzellenter Beitrag + absolut zutreffend! Wie Du weisst, bin ich ja seit dem Treffen mit meinem leider revisionistischen Verwandten nun auch dabei, allerlei Bücher zu lesen und im Netz Argumente zu sammeln. Und langsam frage ich mich: sollte ich meine wertvolle Zeit nicht besser dazu verwenden, die noch nötigen Renovierungsarbeiten in unserem Häuschen voranzutreiben?
Viele Grüsse
Willy
Kommentar veröffentlichen
<< Home